Jörg Brüggemann: Liebe Annette, für dein Projekt "Atlantis", das Teil unserer Jubiläumsausstellung "Die Stadt - Vom Werden und Vergehen" ist, bis Du an Orte gefahren die Atlantis heissen, unter anderem eine Jugendherberge in Krakow und ein Transexuellenclub in New York. Wonach hast Du gesucht, als Du "Atlantis" fotografieren wolltest und was hast Du an diesen Orten gefunden?

© Annette Hauschild/OSTKREUZ
Annette Hauschild: Mich hat es gereizt, keinen wirklichen Ort, keine wirkliche Stadt zu suchen, sondern die Idee von einer idealen Stadt. Unser Titel "Die Stadt - Vom Werden und Vergehen" hat ja schon was Überhöhtes, etwas zu Großes, mit dem scheinbaren Anspruch, einen ganzen Zyklus erklären zu wollen. Ich fand es wichtig, dass die Sichtweisen darauf sehr unterschiedlich sind. Ich wollte ganz kleine und menschliche und auch ganz abstrakte Aspekte zeigen. Dann bin ich eher zufällig auf Atlantis gestoßen.
Ich habe mir gedacht, dass alle Orte, die sich so nennen, sich irgendwie mit dem Bild dieser Legende auseinandergesetzt haben und es dort etwas zu fotografieren gibt, was in der Gesamtheit dann ein größeres Bild von dieser Traumstadt oder der Sehnsucht danach ergibt. Na ja, und bei Atlantis passt natürlich unser Untertitel "Vom Werden und Vergehen" sehr gut. Nur etwas, was nicht mehr existiert bzw. nie existiert hat, kann soviel an Interpretation und Wunschdenken vertragen.
Atlantis ist ein universeller und sehr populärer Mythos. Es ist unglaublich, wie inflationär der Name gebraucht wird, wenn man erstmal anfängt danach zu suchen. Ich habe nach Orten gesucht, die kein zu perfektes Bild von Atlantis zeigen, wie zum Beispiel diese vielen Spaßbäder, die so heißen. Sondern nach Orten, die an sich schon einen Bruch haben, die nicht allzu perfekt sind. Erstens, um noch eigene Bilder finden zu können und zweitens, damit beide Seiten – Aufstieg und Fall von Atlantis – auch eine Rolle spielen können.
JB: In vielen Deiner Bildern erkennt man den konkreten Ort, an dem sie fotografiert wurden, nicht mehr, aber ein übergeordnetes Gefühl für den Ort "Atlantis" stellt sich ein - als wenn diese Orte von einem unsichtbaren Band zusammen gehalten werden. Hast Du schon beim Fotografieren genau darauf geachtet, das die Bilder von so unterschiedlichen Orten gut zusammen passen, oder hat sich das erst bei der Editierung ergeben?

© Annette Hauschild/OSTKREUZ
AH: Das Zusammenpassen war viel schwerer, als ich gedacht habe. Ich wollte eine Mischung aus Ortsbeschreibung und Porträts machen. Ich habe natürlich versucht, Bilder zu machen bzw. zu finden die ein Stimmungsbild ergeben und die, die etwas über Paradies, Traum, Untergang etc. aussagen können. Aber die Zusammenstellung war nicht einfach, weil die Orte eben sehr unterschiedlich waren. Am Ende sah man doch sehr gut, wo das war und ich habe dann sehr viel Außenaufnahmen, die eher Ortsbeschreibung waren, rausgelassen.
Auch die Entscheidung, ob man am Ende einen Ort aus den Vielen macht oder eben gerade die Widersprüche und Unterschiedlichkeiten zeigt, fiel mir schwer. In einer längeren Serie hätte man sicher mehr Platz für viel Unterschiedliches gehabt, aber in einer Kurzfassung muss man doch sehr präzise sein, das ist nicht gerade meine Stärke. An der Reihenfolge habe ich sehr lange herumprobiert und jetzt habe ich fast alle meine Lieblingsbilder unterbringen können.
Wenn Du sagst, dass es so scheint, als wäre alles an einem Ort, bin ich ganz froh, denn das habe ich auch letztendlich versucht hinzukriegen. Vor allem durch das Anfangsbild wird ganz klassisch, wie in einer Reportage, der Ort vorgegeben und dann kommt man rein…
JB: Ich persönlich hab wahrscheinlich zum ersten Mal vom Mythos "Atlantis" in den 80er Jahren gehört. Damals gab es im deutschen Fernsehen die etwas peinliche amerikanische TV-Serie "Der Mann aus Atlantis" mit Patrick Duffy in der Hauptrolle, als letzten Überlebenden des versunkenen Inselreichs. Neben einer Menge anderer bizarrer Phänomene tauchen in der Serie auch Außerirdische oder Portale in andere Dimension auf. Dein Projekt funktioniert ganz ähnlich wie ein Dimensionsportal. Man steigt ein und wird in kürzester Zeit über den ganzen Planeten geschickt. Glaubst Du, dass die Utopie "Atlantis" in der globalisierten Welt ein Stück näher gekommen ist?

© Annette Hauschild/OSTKREUZ
AH: Ich glaube längerfristig braucht man diese kollektiven Sehnsüchte, wie Atlantis eine ist, nicht mehr, jeder bewegt sich selber in seiner eigenen – manchmal globalisierten – Community oder in seiner digitalen Fantasiewelt. Kein Mythos hat mehr die Chance, sich über Jahrhunderte zu halten und zu entwickeln. Aber das stört mich nicht und das will ich gar nicht kritisieren.
Das eigentliche Thema von Atlantis ist die Suche nach dem Glück und der idealen Lebensform und dass dieser Zustand immer seine Endlichkeit in sich trägt. Das ist etwas, was Menschen immer bewegt. Atlantis benutze ich nur, weil es so schön sinnbildlich dafür steht.