Atlantis

von Annette Hauschild

Atlantis ist keine Stadt, die man irgendwo auf der Landkarte findet. Trotzdem ist es überall. Atlantis ist ein Gefühl, ein fiktiver Ort. Fast jedes Land hat diese Stadt im Laufe der letzten Jahrhunderte irgendwann einmal für sich eingemeindet, Schriftsteller haben über sie geschrieben, es wurden Filme gedreht und Musik komponiert. Jeder kennt den Mythos der versunkenen Stadt. Platon hat Atlantis als einen mächtigen Inselstaat beschrieben, als eine reiche Seemacht mit wertvollen Rohstoffen und fruchtbarem Boden. Was genau überliefert ist, war mir für mein Projekt aber gar nicht so wichtig. Die wenigsten können die Legende von Atlantis detailliert nacherzählen, aber jeder kann mit ihr etwas anfangen. Die meisten denken dabei an etwas Unschuldiges, an eine ideale Gesellschaft, die unerwartet untergegangen ist. Mir ging es um das, was der Begriff heute bei den Menschen auslöst: Atlantis ist wie ein Sinnbild der ewigen Suche nach dem Glück, aber in der Erfüllung des Glücks schwingt auch immer seine Endlichkeit mit.

Eine zersplitterte Vorstellung von Atlantis ist überall gegenwärtig. Ich wollte diese Fragmente neu zusammensetzen, mit einem vagen Gefühl, ohne eine feste Idee. So habe ich mich auf die Suche nach Atlantis gemacht und dafür Orte gesucht, die Atlantis heißen. Es gibt viele Unternehmen oder Orte, die sich so genannt haben, oft im Zusammenhang mit Wasser, zum Beispiel bei Werften, Jachthäfen, Tauchschulen oder Schwimmbädern. Aber auch Klubs, Hotels, Juweliere, Hersteller von Schwämmen, Fitnessstudios und Kasinos nennen sich so, genauso wie Verlage, Discos, Secondhandläden, Ferienparks, Eisdielen, Irrgärten oder Transportunternehmen. Glitzerwelten wie das gigantomanische Hotel Atlantis in Dubai haben mich nicht interessiert. Ich habe Orte besucht, bei denen ich das Gefühl hatte, sie spielen mit etwas, das eigentlich zu groß für sie ist: mit dem Traum vom Paradies. Als ob man ein Kleid anprobiert, das man nicht ausfüllen kann. Ich habe nach Sinnbildern dieser Sehnsucht gesucht, nach morbiden Orten, denen man den Verfall bereits ansieht. Ich war in Atlantis, dem schrabbeligen New Yorker Secondhandladen, in Atlantis, dem »Hispanic Gay Club« in Queens, in Atlantis, dem Hostel an der Krakauer Hauptstraße, oder in Atlantis, dem belgischen Apartmentpark mit der futuristischen Architektur. Ich habe gesehen, wie diese Orte den Mythos mit Leben füllen, ihm ihr eigenes Bild geben mit Symbolen wie Superman, Cowboys und Palmen. Ich bin überall mit viel Offenheit empfangen worden, weil niemand etwas dagegen hat, mit Atlantis in Zusammenhang gebracht zu werden. Die wenigsten denken bei Atlantis an den bevorstehenden Untergang. Während meiner Reisen habe ich mich manchmal wie ein Besucher aus einer anderen Zeit gefühlt, wie jemand, der Unwissende besucht und schon weiß, wie die Geschichte weitergehen wird. Von Station zu Station hat sich ein innerer Zusammenhang ergeben, über den Namen und den Standort hinaus. Wenn ich die Fotos jetzt ansehe, ist es vollkommen unwichtig, an welchem Ort sie entstanden sind. Das Gesamtbild, das sich ergibt, zeigt keine Idealstadt. Es zeigt kein Paradies und auch keinen Zustand des absoluten Glücks. Das Atlantis, das ich gefunden habe, hat etwas, das schwer greifbar ist. Etwas Schicksalhaftes, In-sich-Gekehrtes und Entrücktes. Es ist eine verlorene Stadt, deshalb kann man auch so viel in sie hineinträumen. Atlantis ist ein Sehnsuchtsort, den jeder mit eigenen Träumen und Vorstellungen füllt. Dies ist meine Version.

Annette Hauschild    "Atlantis"